Erste Eindrücke aus Chennai

26.07.2019: Erster Tag

Schon allein der Anflug war Wahnsinn. Gegen 12 Uhr mussten wir in heftigen Gewittern landen mit diversen Wacklern und schweren Turbulenzen. Ich bilde mir ein, sogar die Blitze in der Nähe gesehen zu haben, aber wer weiß, vielleicht waren das ja auch die Lichter an den Flugzeugflügeln. Jedenfalls wurde ich vom Flughafen abgeholt, habe einen sehr süßen, sehr leckeren Kaffee bekommen und wir sind durch starken Regen Richtung Loyola College.

Am nächsten Morgen habe ich mit Father Vasanth, meinem Mentor, gefrühstückt und jetzt die ersten Versuche mit der Hand essen hinter mir. Im Gegensatz dazu, was andere über die Schärfe hier gesagt haben, muss ich sagen, dass ich sie erstaunlich erträglich fand und das Essen im Allgemeinen grandios. Da Father Vasanth zu der Beerdigung des Onkels des Provinzials musste, verbrachte ich die Zeit bis zum Mittagessen damit, Tamil zu üben (vor allem die Schrift) und zu lesen. Im Laufe des Tages bekam ich außerdem eine Führung über den Campus und mir wurden die verschiedenen Colleges gezeigt, die durchwegs zu der Top Ten ganz Indiens zählen.

Ins Licet (Loyola Icam College of Engineering and Technics) haben wir auch einen Blick geworfen (dort gibt es statt einer Aula ein Badmintonfeld!). Der Aufbau des Campus mit den Hostels, Colleges und Sportplätzen hat mich schon fasziniert. (Hier der Blick auf die Kirche aus der Jesuit Residence, in der ich auch gewohnt habe)

Vor dem Abendessen, sollte (durfte) ich mich nochmal ein bisschen ausruhen, wurde aber zu einem Abendgebet geholt, das unter freien Himmel stattfand vor dem Hauptgebäude. Zusammen mit Father Igni bin ich hingegangen und habe die Atmosphäre, die Lichter und die Musik genossen.

(Davon ein Bild)

Ein bisschen spät habe ich dann gemerkt, dass ich die einzige weibliche Person auf der rechten Seite der Straße war. Oh Mann, nun gut, ich habe die Straßenseite nicht ganz unbemerkt gewechselt… Als dann der Strom ausfiel und alle um mich herum so gut wie es ging zu singen anfingen, habe ich mich dann aber doch ganz wohl dort gefühlt, wo ich stand.

Beim Abendessen wurde ich allen vorgestellt und meine neu erworbenen Tamil Kenntnisse wurden vorgeführt. Mein Sitznachbar hat dann festgestellt, dass ich heute Namenstag habe, also der Feiertag der Anna ist. Sie waren überrascht, dass ich das nicht wusste und führten das auf mangelndes in die Kirche gehen zurück, womit sie vielleicht nicht ganz falsch lagen. Jedenfalls wurde beschlossen, das zu feiern und was ich eher als Floskel verstand, wurde nach dem Essen in die Tat umgesetzt. Wir, das heißt ich, drei Fathers und ein französischer Jesuit, zogen los, besser gesagt ich lief mehr hinter her ohne zu wissen, ob das jetzt das Feiern ist. Gehalten wurde dann bei einem Bubble Tea Laden relativ nah am Campus und ich wurde auf ein Mango Milk Shake mit diesen Tapioka Bubbles eingeladen und es wurde für mich gesungen.

29.07.2019: Ankommen in Südindien

Ja, alles in allem kann man sagen, dass die letzten Tage schon ganz schön viel waren. Ich habe inzwischen ein wenig von Chennai selbst gesehen, was vor allem daran lag, dass eine Gruppe Franzosen kam um mit der Chennai Mission Häuser in einem kleinen Dorf zu bauen und die mich auf einer Art Sight Seeing Tour mitnahmen.

Waren zum Beispiel auf dem Thomas Mount, wo wir, als Europäer einiges an Aufmerksamkeit bekommen haben…

Und außerdem daran, dass ich über Samira, meine sozusagen Vorgängerin (danke an dich) ich zwei Freiwillige von den Franziskanern kennen gelernt habe, die mich dann auch zum Shoppen in T.Nagar, einer riesigen, überwältigenden und sehr indischen Shopping Gegend(?) mitnahmen, was außerdem dringend nötig war, da ich wirklich nur eine richtige Hose mitgenommen hatte. Chennai ist riesig und hat halt kein Stadtzentrum im eigentlichen Sinne, ist halt ein Ballungszentrum. Es ist sehr laut, der Verkehr für den deutschen Ordnungsfanatiker unerträglich und für Schüchterne fast schon gefährlich. Man begegnet so vielen Leuten, Bettlern in grausamen Zuständen, vor allem aber in bunte Saris gekleidete Frauen und auch Männer, die einem gegenüber sehr offen und interessiert sind.

Ich bin fast schon stolz auf mich, heute bin ich zum ersten Mal alleine mit einem dieser shared cars gefahren, dem gängigen Verkehrsmittel auf der Hauptstraße vom Loyola College zu T.Nagar und außerdem meine maßgeschneiderten, wunderschönen zwei Chudidars abgeholt.

Ach und das Essen wollte ich auch noch kurz erwähnt haben. Es ist unglaublich lecker! Zwar meinten alle, die Schärfe würde einen umhauen und ja es ist scharf, aber ich muss ehrlich gesagt sagen, thailändisch finde ich fast schärfer. Jedenfalls thai spicy;) Und was auch neu für mich ist, ist das Essen mit Fingern. Also es gibt schon Besteck, das heißt es wäre da für Gäste, aber ich hab dann relativ schnell die Entscheidung getroffen, mich anzupassen und es wenigstens zu versuchen, heißt es ist tatsächlich auch einfach technisch nicht so einfach, vor allem bei Curry und Reis.

Christentum in Indien (erster Eindruck)

Was mich auch sehr überrascht hat und deshalb beschäftigt ist hier das Thema Religion bzw. der gelebte Glaube der Christen. Bisher, muss ich ehrlich sagen, war ich einfach kein Fan von einem stringenten und an Gottesdienste und Kirche gebundenen und gelebten Glauben und ich denke, abgesehen davon das ich die Sprache nicht spreche und verstehe, merkt man diese Einstellung mir auch an (siehe Namenstag).

(Hier auch die St. Thomas Basilica in Chennai an der Grabstelle des Apostels Thomas)

Heißt den Christ sein bzw. Christentum praktizieren, dass man an so was wie Gottesdienste gebunden ist? Ist eine sehr persönliche Frage, die ich aktuell einfach mit nein beantworten würde. Wie ich damit umgehe, weil ich mich natürlich anpassen will und den Leuten nicht vor Kopf stoßen will, die diese Einstellung teilweise nicht so teilen (hatte da sogar eine fast sehr schöne Begegnung mit einer indischen Mathematik-Professorin), muss ich wohl noch heraus kriegen.

Morgen geht es dann in meine Einsatzstelle, nach Kuppayanallur, etwa 2 ½ Stunden Zugfahrt, das wird auf jeden Fall spannend:)

4 Kommentare zu „Erste Eindrücke aus Chennai“

  1. Vielen Dank für die Eindrücke. Echt spannend. Ich bin gespannt, wie du die Herausforderung weiter angehst, zwischen Inkulturation „Eintauchen in die neue Kultur“, „Anpassung“ und eigene Identität (Be yourself ….! (Sting)).

  2. fantastisch, was Du in den ersten Tagen schon alles erlebt hast!
    Ich sauge Deine Informationen auf wie ein Schwamm…
    Liebe Grüße e*

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