Wir

03.06.2020

„Happyland“. So wird in dem Hörbuch „Exit Racism“ von Tupoka Ogette ein Zustand beschrieben. In diesem, wie sie sagt, befindet sich ein Großteil unserer Gesellschaft, die vor lauter Privilegien die Realität nicht mehr sieht oder sogar sehen will. Ignoranz aus „fehlender Notwendigkeit, dich mit dem Thema auseinanderzusetzen“(Kapitel 3, Teil 3). Das Thema in diesem Fall, wie ja schon der Titel sagt – Rassismus.

Ich persönlich empfinde ja, dass dieser Zustand, also „Happyland“ auch auf viele andere Themen anwendbar ist wie Wirtschaftsstrukturen, Klimawandel oder Wohlstandsverteilung, aber über Rassismus zu sprechen ist gerade jetzt sehr wichtig. Auch für die (uns), die eben von den rassistischen Strukturen in der Welt profitieren und niemals die emotionale Ebene und alles andere für People of colour nachvollziehen können.

Mit dem was gerade in Amerika passiert, was aber natürlich auch für die gesamte Welt Relevanz hat, ist eine öffentliche Debatte entstanden, in der sich zum Glück sehr viele Leute äußern, die meiner Meinung nach berechtigter oder sachverständiger sind, über dieses Thema zu sprechen. Deswegen werde ich es nicht direkt tun, aber was ich in meiner Zeit in Indien erlebt habe, passt in diesen Kontext zum Teil sehr gut. Auch, weil ich mir der Privilegien, die eine weiße Haut mit sich bringt, sehr bewusst wurde, weil sich viele der Dinge, die ich erlebt habe, darauf zurück führen lassen. Und das finde ich ausdrücklich alles Andere als gut. Im Gegenteil. Es muss sich ändern.

Weiß sein bedeutet in Indien „fair“ sein. Und „fair“ wird nicht mit gerecht übersetzt, sondern schön. Aber Hautfarbe bedeutet nicht nur Attraktivität und Selbstbewusstsein, sondern hat eben auch mit sozialer Stellung zu tun und damit mit Indiens größtem gesellschaftlichen Problem: dem Kastensystem. Man kann sich wohl vorstellen welcher Grad des Haut-Teints mit oberer oder niedrigerer Kastenzugehörigkeit identifiziert wird. Da das Kastensystem auch über Berufe definiert wird, und da bei vielen „niederen“ Arbeiten Sonneneinstrahlung eine Auswirkung auf den Teint der Haut hat, liegt eine Verbindung sehr nahe. Aber hat auch der Kolonialismus der ersten Stunde hat damit zu tun, als angeblich indoeuropäische Stämme im 2.Jahrtausend vor Christus in Asien einwanderten und die dortige Bevölkerung unterwarfen. Daraus ergab sich das vanasramadharma (Kastensystem), dass die Unterworfenen zu strukturellen Arbeitssklaven der sogenannten Arier machte. Diese „arische Einwanderungsthese“ ist zwar umstritten, aber durch diese implizierte Verwandtschaft mit „den Ariern“ wird diese Ungleichheit und Ungerechtigkeit historisch legitimiert. Sicher spielt der englische Kolonialismus dabei auch noch eine Rolle.

In Indien ist es demnach nicht der genau gleiche Kampf wie in Amerika gerade, der geführt werden müsste, sondern einer der primär gegen das Kastensystem geht, aber vielen Menschen vor Ort fehlt die Bildung und das Bewusstsein, dass sie etwas ändern können und zu ihrem eigenen Wohl, sollten. Die generelle Mentalität dort ist es, an Kultur, auf die man sehr stolz ist, fest zu halten. Auch wenn das heißt, den eigenen Hauseingang tiefer zu bauen, was ursprünglich eine Demütigung war, da man sich beim Hineingehen bücken muss.

Zurück zu weißen Privilegien. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass Hautfarbe eine große Rolle spielt dabei, wie man behandelt wird. Weil ich so aussehe, wie ich aussehe habe ich Dinge bekommen oder kam in Positionen, in denen ich nicht sein wollte. Ich kann sehr gut nachvollziehen, wie es sich anfühlt, wenn man wo lebt und einen Sonderstatus hat. Oft wäre es mir lieber gewesen nicht auf den „guten Plätzen“ zu sitzen, sondern unter den Leuten oder nur weil die Dorfbewohner jemanden Weißes in ihren Häusern haben wollen, eingeladen zu werden und nicht, weil sie mich mögen. Und ja es gibt viele Vorurteile, Weißen gegenüber, die auch für mich nicht immer angenehm waren. Zum Beispiel, dass Weiße alle Unmengen an Geld haben, arrogant sind oder unnahbar, leicht zu haben (Frauen) oder unmoralisch bzw. ohne Anstand. Von umgekehrten Rassismus kann man aber noch lange nicht sprechen, eben nur weil es Vorurteile auf beiden „Seiten“ gibt.

Dieses Bild des Weißen kommt doch oft (abgesehen von Werbungen) von der Art der Begegnung. Und oft auch vom Tourismus. Wie wir aus „Happyland“ kommen mit vielleicht ehrlichem Interesse für die Kultur, aber so in unseren Mustern bleiben, dass wir ein Bild prägen, dass nicht verantwortlich ist. Das ist vielleicht etwas spitz formuliert und gilt bestimmt nicht für alle Touristen. Aber alleine das Prinzip wo hinzufahren, wo es warm ist und exotisch, aber nach zwei Wochen wieder ganz weit weg zu sein von allen Thematiken, trägt schon eine gewisse Ignoranz mit sich. Es gibt auch negative Meinungen über Freiwilligendienste. Ich kann es nachvollziehen. Kolonialismus oder die Idee als „White Saviour“ die Welt zu retten. Aber meine Erfahrungen hatten insgesamt damit wenig zu tun. Vielmehr haben Volunteers, anders als Touristen, die Chance auf Augenhöhe mit den Leuten zu leben und diese Vorurteile sogar aufzubrechen. Und trotzdem hat es mein Herz gebrochen, wenn sogar die kleinen Grundschüler mit weißem Puder eingeschmiert werden „so that they become more fair“, also weißer, schöner (das ist allgemein verbreitet für Functions oder andere Festlichkeiten) oder sie mit mir da saßen und meinten, wie dunkel sie doch seien und wie weiß ich. Ich konnte ihnen zeigen, dass ich genau so Gefühle habe oder unsicher bin, wie sie, dass ich genauso Mensch bin wie sie.

Im Gegensatz zu den Ausschreitungen in Amerika und der Gewalt und Ungerechtigkeit, der People of Colour vielerorts ausgesetzt sind, klingt das banal, aber spielt eben doch eine große Rolle. Auch für uns.

Viel geredet und dabei fast das Thema des Jahres vergessen. Corona ist mitverantwortlich, dafür dass die Lage jetzt vielerorts kritisch wird oder sogar eskaliert, wie in Amerika. Durch wichtiges zentrales Krisenmanagement ist jede Regierung gerade sehr unter Druck, es wird aber eben auch erschreckend klar, wie sie ihr eigenes Volk behandeln. Da die Kontrolle des Staates in Indien bei einer brahmanischen (höchste Klasse) oder sogar Hindu-nationalistischen Gruppe liegt, die unter anderem die Regierungspartei BJP und ihren Minister Modi stellt, werden auch zu Zeiten von Corona die niedrigen Kasten, aber auch andere Minderheiten, wie Christen oder Muslime, unterdrückt. Abgesehen davon scheint es, als wäre die indische Regierung nicht fähig dazu, diese Situation zu bewältigen. Der viel zu plötzliche und rigorose Lockdown ab dem 25.März ist gescheitert. Die Infektionszahlen steigen unkontrolliert, getestet werden kann in einem Land wie Indien sowieso nicht jeder und auch wirtschaftlich für Privatpersonen wie Firmen, war dieser Zustand keine Lösung für die Ewigkeit.

Aber niemand kann sagen, was jetzt passiert. Denn mit der Aufhebung des Lockdowns kommt das indische Chaos. Und das indische Chaos ist alles andere als „Happyland“. Diese Gedanken sind für uns nicht zwangsläufig angenehm, aber es ist sehr wichtig, sich bewusst zu werden in was für einer Welt wir leben. Das es Rassismus überall auf der Welt gibt, auch in Indien, und das wir, Weiß Gelesene, von vielen der Strukturen profitieren. Und das wir durch die Privilegien, die wir haben, die uns eine sorglose Welt schaffen, auch die Pflicht haben, wenn wir es können, diesen Zustand zu verlassen. Solidarisch zu sein und die Augen auf zu machen für eine gerechtere Welt.

Mikka Nandri an alle, die so weit gelesen haben. Ich freu mich von euch zu hören, Eure Hannah

2 Kommentare zu „Wir“

  1. Hey Hannah, ich habe den Beitrag nur so aufgesogen. Ich finde du hast dich echt gut mit dem Thema auseinandergesetzt und deine Gedanken sehr schön beschrieben!! Liebe Grüße 🙂

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