Eine Handvoll Reis

19.02.20

Ich bin nicht ewig hier. Die vier Monate, die mir noch in Indien bleiben fühlen sich nach ziemlich wenig Zeit an und dank einiger wunderschöner Pläne wird diese Zeit wahrscheinlich schnell verfliegen, genau wie dieser Januar und Februar. Und obwohl sich natürlich so etwas wie ein Alltag entwickelt hat, werde ich immer wieder von der Einmaligkeit einzelner Situationen und Tage überwältigt. Manchmal schon von den Erinnerungen vergangener Tage dieses Jahres, die sich jetzt schon wie ein Traum anfühlen, manchmal direkt im Moment.

Es ist ein Fakt, dass es in Indien einiges an Menschen gibt (das 16,3-fache der deutschen Bevölkerung), das heißt wenn an einem Ort der Welt eine Epidemie wie der Corona-Virus große Ausbreitungschancen hätte, dann wäre es Indien. Dank den vollen, engen Plätzen und auch den eher mittelmäßigen hygienischen Bedingungen. Während meines Aufenthaltes hier habe ich mit beidem schon Bekanntschaft gemacht und bin regelmäßig erkältet und angeschlagen, viel mehr als je zuvor in Deutschland und das trotz eines vielfachen der Temperaturen. Aber in dieser Menge an Menschen habe ich eben auch so wahnsinnig viele Leute getroffen, die mir alle einiges entgegenbrachten an Interesse, Gastfreundschaft und auch Vorurteilen. Was mich, vor allem außerhalb meiner Einsatzstelle, aber wahnsinnig fasziniert, ist auch die Einmaligkeit jedes Händeschüttelns, Redens und Austausches und das man Personen, die man sympathisch findet und vielleicht auch lieb gewonnen hat, nie mehr wieder sieht. Oder wieder sieht, obwohl man damit nicht gerechnet hat.

Letzte Woche sind mir ein paar dieser Dinge passiert, die mich zum Nachdenken gebracht haben. Eines Tages haben Rexy Miss, die Englisch-Lehrerin, und ich beschlossen zusammen in das Nachbardorf Ongur zu fahren, um einen Schüler unserer Klasse, der seit langem nicht in der Schule war, zu besuchen. Er kommt aus sehr armen Verhältnissen, sie leben praktisch in einer Ruine ohne Boden, und sein Vater hütet die Ziegen anderer. Dennoch haben wir ihn in Schuluniform gesteckt, mit auf den Scooty gepackt und sind zu dritt zur Schule gefahren, der Junge zwischen seinen beiden Englisch Miss. Am selben Tag stand aber plötzlich eine Frau im Gang unserer Schule, die mich umarmt hat und mit der ich nie im Leben gerechnet habe. Es handelte sich um eine Bekanntschaft, die ich im Loyola College gemacht habe, und die ich anfangs für eine Vertrauensperson hielt. Auf Englisch habe ich lange mit ihr geredet und sie hat mir ihre Geschichte erzählt, die ehrlichgesagt im Nachhinein wie das Blaue vom Himmel klingt oder wie das was ich in der Situation damals hören wollte. Und in dem Kontext fiel dann auch das Thema Hilfe, Geld und soziale Arbeit. Ich bin da ein leichtes Opfer gewesen, auf der Suche nach Halt und Tiefgründigkeit in menschlichen Beziehungen und habe ihr meine Nummer gegeben, sie auf Grund aufkommender Zweifel aber danach geblockt. Diese Frau stand dann da im Schulgebäude unserer Loyola Higher Secondary School im indischen Nirgendwo, niemand kannte sie wirklich, und sie wollte mich sehen. Ich vermute, sie, da ich ihr offenkundig eine Zeit lang mein Vertrauen geschenkt hatte, wollte an mein Geld.

Das ist nämlich so ein Punkt der Begegnung mit vielen Menschen hier. Geld spielt in dem Leben hier der Leute zwangsläufig eine große Rolle. Teils existenziell, wie bei eben jenem Englisch-Schüler, und teils einfach als Statussymbol bzw. auch der Kastenzugehörigkeit oder als Heirat-Mittel (dowery) für die Mädchen. Und es ist ein bisschen was dran, aber das ist das Haupt-Vorurteil der meisten, dass jeder mit „weißer“ Haut viel Geld hat und reich ist. Und das es in Deutschland keine Armen gibt. Denn weil die Währung einen anderen Kurs hat (Verhältnis Rupie Euro ist etwa 78:1) sind auch die Lebenskosten unterschiedlich.

Ich habe diese Erfahrung als Anlass genommen ein paar Monate später einmal über die kulturelle Begegnungen nachzudenken zwischen Indien und Deutschland, denn inzwischen kann ich die ganzen Vorurteile und Erwartungen ein bisschen besser verstehen. Viele Inder, kann man so ganz gut sagen, halten viel an ihren Gewohnheiten, ihrer Kultur und ihrem ihnen bekannten Umkreis fest. Es gleicht ein bisschen, teils noch sehr unmodern, einem „Leidertragensdenken“. Man hinterfragt, währt und ändert von sich aus nichts. „Wie kann man anders als in Schablonen denken, wenn man nicht die Form zerbricht, in der man geschaffen wurde“ ,schrieb Kamala Markandaya in ihrem Buch „Eine Hand voll Reis“ von 1966, das ich vor Kurzem gelesen habe. Aber dieses Schablonen-Denken zieht sich eben von der Akzeptanz einer von Geburt an strukturellen Diskrimination bis zur Resistenz der Mädchen gegen neue Spiele in der Games Time oder neue Gesichter in ihrem Umfeld. Und deshalb spielt der Faktor Zeit im menschlichen Umgang miteinander eine ganz andere Rolle. Für mich hat es sechs Monate gedauert, bis ich fester, integrierter Teil, der ganzen Geschichte hier war. Jedenfalls habe ich es so wahrgenommen.

Von Menschen, die augenscheinlich nicht aus Indien kommen, wird als „foreigner“ oder von mir immer noch als „wellakka“ gesprochen (was weiße Schwester heißt). Meistens wird vor mir über mich gesprochen, was ich allerdings inzwischen ganz gut verstehe. Da viele Leute mit weißen Gesichtern selten Kontakt haben und wenn, dann nicht ganz auf Augenhöhe, kommt man schnell (bzw. ist man von Anfang an) in der Rolle des Außenseiters. Wobei Tamil sprechen der Schlüssel ist, um da relativ schnell raus zu kommen. Trotzdem kann ich manchmal kann ich die Ehrlichkeit in einer Begegnung nicht ganz erkennen, da viele vor allem mich auch verzwecken wollen (siehe Geschichte oben). Von Kontaktperson nach Deutschland bis dazu hin, einfach nur mit mir gesehen werden wollen oder ein Foto mit mir irgendwo hochladen. Wenn man sich dagegen etwas wehrt, bekommt man zwar ein bisschen Selbstbestimmung zurück, wird aber direkt anders behandelt als davor.

Immer neu mit vielen Begegnungen die Vorurteile mit gebrochenem Tamil zu durchbrechen ist ganz schön anstrengend. Aber es lohnt sich für beide Seiten total, wenn man nicht auf die Leute zugeht, wie auf Tiere im Zoo. Mit gezückter Kamera und Hosentaschen volle Rücksichtslosigkeit, wie letztens eine Reisegruppe italienischer Rentner, die für zwei Stunden auf unserem Campus lernende Schüler fotografiert haben und durch Kuppayanallur gerannt sind.

Inzwischen ist es für mich sogar so, dass ich von manchen fremden Frauen als potenzielle Schwiegertochter gesehen werde und sie mir Dinge über ihre tollen Söhne und deren Arbeit erzählen und mich nach der Arbeit meiner Eltern fragen (Merkmal der Kastenzugehörigkeit). Oder ich tausende Hände kleiner Grundschüler schütteln muss, die vor unserem Hostel Mittag gegessen haben.

Ich bin nicht mehr lange hier.

Und es passieren die ganze Zeit Dinge, die vielleicht nie wieder so kommen. Und die ich vermutlich auch nie wieder vergessen werde. Letzte Woche bin ich mit zu der Pilgerfahrt der neuen Chennai Provinz gekommen, nach Konankuppam.

Konankuppam – ein Schrein erbaut von Besci, einem italienischen Jesuiten, der – sehr gut Tamil konnte

Es war so schön so viele bekannte Gesichter zu sehen, vor allem manche der Fathers haben mich sehr freundlich wieder aufgenommen, zum Tee trinken eingeladen und sich auf eine angenehme Weise für mich interessiert. Und so kam es, dass ich von Father Ray, den ich von meinen Quarterly Leave Ferien kannte, mit nach Kilpennathur genommen wurde. Der Ort, der mir damals so schnell ans Herz gewachsen ist und an dem ich an einer Woche so viel gelernt habe, wie kaum möglich. Ich durfte im gleichen Zimmer die gleichen Leute wieder treffen und hatte dank der überwältigenden Spontanität der gesamten Situation eine angenehme Entspanntheit in mir. Am nächsten Tag sind wir nach Hogeinakkal gefahren, einer Stelle des Kaveri Flusses an der Grenze zu Karnataka mit Wasserfällen.

Hogeinakkal

Wir sind zwei Mal Baden gegangen, Frauen und Männer getrennt, und das zweite Mal konnte man dank dem tiefen ruhigen Flussbett auch schwimmen nennen.

de Kaveri-Fluss

Es hat mich mit Glück überflutet als sich die kleinen Mädchen der Tanzgruppe freudig ängstlich an mich geklammert haben oder mir erstaunt zusahen, wie ich mich ins Wasser fallen ließ, denn die wenigsten können schwimmen. Und so habe ich mein Bestes gegeben, die Angst vom Wasser zu nehmen und ein bisschen Schwimmen zu zeigen.

Ich bin nicht mehr lange hier. Nur noch vier Monate und die Arbeitswochen im Projekt kann ich schon zählen. Es setzt mich ein bisschen unter Druck, auch wenn es das eigentlich nicht müsste. Nur hatte ich so viele auch unrealistische Pläne und Erwartungen an mich selbst und es fällt mir schwer, diese fallen zu lassen. Aber wie auch mit sich selbst: Etwas ist erst dann perfekt, wenn man es als perfekt betrachtet, also akzeptiert so wie es ist.

Eine Handvoll Reis. Die indische Gesellschaft, Genügsamkeit und die Gerüche der indischen Küche. Kultur ist wie eine Zwiebel, die man mit der Zeit schälen kann und langsam glasig, also etwas durchschaubar wird.

Liebe Grüße von einer von Glück vollen Hannah

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