Bunter Januar

28.01.2020

Wahnsinn, wie schnell Zeit vergeht, vor allem jetzt im Nachhinein! Und nach etwas mehr als der Hälfte der Zeit meines Einsatze ist man an gewissen Themen nicht vorbei gekommen, mit offenen Augen und ein bisschen Hintergrundwissen durch Indien laufend. Und von einigen dieser Erfahrungen, die ich gesammelt habe, und dem gewonnen Verständnis für die Umgebung, in der ich gerade lebe, würde ich sehr gerne einmal sprechen.

Richtig aufgefallen sind mir viele Sachen konkret als mich drei meiner Mit-JVs aus dem Norden besucht haben, Florian, Simon und Lara. Ich habe sie in meine Einsatzstelle mitgenommen und obwohl ich sie davor angekündigt habe und sie aufgeregt erwartet wurden, wurden sie nicht unbedingt euphorisch empfangen. Okay gut, es waren auch wenige Kinder da, da die Regierung spontan Feiertag ausgerufen hat, aber auch bei unserem Spaziergang durch die Villages um meine Schule herum, fiel einem eine gewisse reservierte Haltung auf, obwohl Weiße eigentlich als etwas Besonderes wahrgenommen werden. Ich habe dadurch verstanden (da ich ja auch anfangs diese Haltung persönlich genommen habe), dass besonders eben hier die Leute eine wahnsinnige Schüchternheit und Scheu bis zu Minderwertigkeitsgefühlen vor Fremden haben, was eventuell auf die Kasten-Identität zurück zu führen ist, die tief verankert ist auch im Unterbewussten und ich denke auch durch die tamilische Kultur. Umso schöner war es für mich, als „Hannah Miss“ von meinen Schülern freudig begrüßt und zu Payasam und Sweet Pongal, Tee und anderem eingeladen zu werden (das typische Essen an dem indischen Fest Pongal, an dem wir da waren).

Bei Kumutha, eine Schülerin der 9B
Bei Sharm`s Familie, ein Schüler meiner 6B, Englisch-Klasse

Pongal ist ein großes tamilisch, aber vor allem Hindu-Fest, das Erntedank gleicht und vor allem in den Dörfern, den Zentren der Landwirtschaft (das Haupteinkommen von 70% der indischen Bevölkerung) sehr groß gefeiert. Es teilt sich in drei Tage auf, an denen erst Land und Sonne, dann Kühe und zum Schluss das Zusammenkommen und Essen gefeiert wird. Dabei werden traditionell Kolams gemalt, aus neuen Töpfen gekocht und Zuckerrohr gegessen. Oder Kühe in die Tempel geführt.

Eine Kolam-Competition am ersten Tag von Pongal in Nallur, einem kleinen Dorf bei Kuppayanallur.
Cow-Pongal im Kapaliswara-Tempel ion Chennai

Ein Thema, über das man vielleicht so wenig weiß wie über Pongal, das allerdings viel präsenter, komplizierter und brenzliger ist, ist die aktuelle politische Lage Indiens. Wenn man über Politik spricht unter Jesuiten, passiert es häufig, dass man auf Nazi-Deutschland zu sprechen kommt. Ja, richtig gehört. Die aktuelle Situation hier und vor allem der aktuelle Präsident Indiens wird mit dem Mann verglichen, den man in Deutschland am liebsten vergessen würde. Meine Alarmglocken läuteten und es passierte nicht selten, dass eine etwas unausgeglichene Diskussion entstand, in der ich meine Geschichtskenntnisse verbreitete (was manchmal durchaus angebracht war, selbst mit sehr hochrangigen Jesuiten Fathers und Vorständen von Bildungseinrichtungen) und jegliche Achtung vor meinem Gegenüber etwas Richtung Boden sank. Allerdings ist etwas an diesem Vergleich dran.

Die aktuelle Regierung Indiens, die BJP und Narendra Modi schlagen einen sehr rechten, hindu-nationalistischen Kurs ein, gegen Minderheiten und für Indien als Hindu-Nation. An einigen Regelungen spüren es die Christen hier, wie an den Schwierigkeiten, die zum Beispiel jesuitische Einrichtungen hier haben oder der rigorosen Kontrolle bei der Einreise (zum Beispiel der Organisatoren meines Zwischenseminares), aber vor allem richtet es sich gegen Muslime. Noch, meinen einige. Besonders ist der „Citizen Amendment Act“ oder CAA, der eben kürzlich verabschiedet wurde, etwas beunruhigend. Einerseits garantiert es Flüchtlingen aus den Krisenregionen im Norden das Bürgerrecht, allerdings nur wenn diese nicht Muslime sind. Dies bedeutet faktisch, dass basierend auf Religion Menschen diskriminiert werden und gefährdet bzw. verneint den säkularen Anspruch einer Demokratie. Ebenfalls werden durch den Ausschluss von Flüchtlingen aus anderen Regionen, wie beispielsweise Sri Lanka (Bürgerkrieg vor einigen Jahren) Leute, die schon lange hier leben oder aufgewachsen sind, das Aufenthaltsrecht entzogen. Da diese zwar großteils hinduistische Tamilen sind wird dies als Schachzug einer alten und eskalierenden Rivalität gesehen zwischen der Bevölkerungsschicht aus dem Norden und den „Draviden“ im Süden mit historischem Hintergrund. Anscheinend wurden im Norden Indiens außerdem Lager errichtet für Leute, die diesen Kriterien nicht entsprechen und einige Autoritäten nehmen anscheinend die Rhetorik angelehnt an deutsche Propaganda von den 30ern auf.

hier wir Volunteers mit Anand Amaladass, dem indischen Philosophie-Professor, der uns einiges an Inputs auf den Weg mit gab:)

Ich sage anscheinend, da vieles eben nicht ganz durchsichtig ist. Die Medien sind sehr nationalistisch geprägt, wohingegen ich ja im Umfeld der parteiischen christlichen Minderheit lebe. Inzwischen bin ich der Meinung, dass man anhand der aktuellen Entwicklungen zwar nicht sagen kann: „Modi = Hitler“, aber ideologisch gibt es tatsächlich Parallelen, die nicht an das pluralistische Indien erinnern, an das der Westen glaubt. Und deshalb sollte man das, was gerade passiert mit sehr viel Aufmerksamkeit beobachten und Indien nicht eben nur, wie Merkel bei ihrem Besuch, als guten Handelspartner sehen.

Aber zurück zu dem, was für mich seit letztem Eintrag passiert ist…

Bevor eben die drei aus dem Norden kamen, war ich nur zwei Wochen in meiner Einsatzstelle. Ich hatte ein bisschen Angst vor dem Zurückkommen und dann zwei wundervolle volle Wochen hier, die mich nochmal enger mit Land und Leuten hier verbunden haben. Ich habe beim Reisanbau geholfen, endlich mal ein paar Kochrezepte aufgeschrieben und ein bisschen meinen Frieden hier gefunden. Außerdem kam dann der Hostel Day auf uns zu, für den wir eine Woche Vorbereitungszeit hatten. Ich habe das English Drama mit selbstgeschriebenem Skript übernommen und mit den Grundschülern einen Action Song einstudiert. Währenddessen haben wir angefangen englische Lieder in der täglichen Hostel-Messe zu singen, ich habe erste Tanz-Stunden von einem der Mädchen bekommen und in dem Lasac-Camp mitgeholfen (das ist ein Camp zur Förderung von Führungsqualitäten für Schüle der Mittelstufe). Das und die Realisation, die ich zu Beginn geschildert habe, hat geholfen, dass ich Kuppayanallur eigentlich endgültig ein Zuhause nennen kann.

ein Blick auf unsere Hostel-Day Buehne, waehrend eine Gruppe der Maedchen in den Competitions geehrt wurde

Nach dem Besuch fuhr ich zusammen mit den drei Volunteers nach Chennai, wo wir den nächsten Tag verbrachten und zum Chennai anschauen nutzten und danach weiter für Kurzferien nach Mahabalipuram. Eine Mischung aus Baden, Ruinen, Bier und für mich deutschem Müsli.

So pilgerten wir nach Trichy, wo wir unser Zwischenseminar hatten zusammen mit Volunteers aus anderen Oganisationen. Mit insgesamt 6 JVs machten wir die Hälfte aus, wuchsen als Gruppe umso stärker zusammen und hatten eine wunderbare Zeit zusammen. Wir hatten Evaluation und Supervision und haben über viele Themen gesprochen, wie Globalisierung, das Kastensystem und kulturelle Sensibilität, wobei es echt gut tat seine Erfahrungen mit anderen in der gleichen Situation zu teilen. Was für mich aber mit Abstand das Wichtigste war, war das Miteinander mit eben den anderen. Von Trichy haben wir auch was gesehen und es war vor allem die Srirangam und MalaiKottay Tempel, die mich sehr beeindruckten. Indien von einer sehr einprägenden und schönen Seite. Mit meinem Mentor, der uns begleitet hat, sind wir auch bis nach Thanjavur, wo ein 1010 Jahre alter dravidischer Tempel steht und haben danach spontan im Kaveri Fluss hinter einem bekannten Staudamm gebadet in voller Montur und irgendwann als gesamte Gruppe gebadet. Für ein Pfarrfest haben wir uns in Schale geworfen (beziehungsweise Lara, Theresa und ich wurden in Schale geworfen) und innerhalb 45 Minuten einen einigermaßen vernünftigen Tanz einstudiert. Es gab einen Kochabend, an dem Luis einen Ofen extra für Lasagne baute, inklusive Kaiserschmarrn, Obstsalat und Grillen.

Ich werde die anderen sehr vermissen, wenn ich jetzt wieder „alleine“ in meine Einsatzstelle zurück kehre und bin gespannt wie es wird. Mein Kopf ist voller Gedanken und Ideen für die nächsten Wochen und Monate, die, denke ich, extrem schnell vorbei gehen werden.

Trotz aller Problematiken, aller unangenehmer und ernster Themen, war dieser Januar 2020 ein unglaublich schöner Monat, in dem ich, so gestelzt es auch klingt, so dankbar für das Leben an sich war, wie noch nie. Leider konnte ich den Beitrag nicht vollstaendig mit Bildern ausschmuecken, da mein Computer mitten drinnen schlapp gemacht hat und ich jetzt vom Kommunitaets-Computer schreibe… Aber ich verlinke euch gerne die Blogs meiner Mitreisenden und Mit-JVs:

Genau, damit liebe Gruesse von mir an alle nach Deutschland und sonst wohin und freut mich, von euch zu hoeren!

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