Von wachsender Dankbarkeit

24.11.2019 Von wachsender Dankbarkeit

Mein November in Indien ist vorbei gezogen wie eine Gebirgskette und es ist wieder einiges passiert. Ich sage Gebirgskette, weil es sehr viele Höhen und auch einige Tiefs gab, wie es eben ohne Täler oder Senkungen keine Bergspitzen geben kann.

Die Höhepunkte waren vor allem die Functions, darunter Children`s Day am 15.11., ein Tag zur Ehre der Kinder, an dem mal umgekehrt die Lehrer für die Kinder „cultural programm“ veranstalteten. Es war mal wieder typisch, ich habe darauf vertraut, ich werde schon früh genug in die Planung mit einbezogen und hatte in meinem Kopf nur lauter Fragezeichen bis zum Tag davor. Ich musste mich also selber kümmern und hatte dann auch ein bisschen Glück, aber einen unglaublich stressigen Tag. Rechtzeitig habe ich meine „Saree-Blouse“ vom Schneider abholen können, mit drei der Mädchen ein tamilisches Lied proben und noch einen inspirational „thought of the day“ aussuchen können. Der Tag war dann ganz schön aufregend. Zum einen, weil ich zum ersten Mal Saree trug, was so ziemlich das Größte ist. Meine Schüler aus der Sechsten sind sogar auf mich zugerannt und mich umkreist zum Klassenzimmer gebracht, wo ich auf einmal erstaunlich viel Autorität hatte. Und am Nachmittag fand dann die Assembly statt, während der ich nicht ruhig sitzen konnte, weil ich Angst hatte, ich werde die richtigen Töne nicht treffen und deshalb immer wieder das Lied auf YouTube abgespielt habe. Die Sorgen waren dann unbegründet, die Mädchen haben eh nach ihrer eigenen Tonart gesungen und da die Leute so verdutzt waren, war es sowohl witzig als auch ein wahnsinnig schöner Moment, der mich mit den Leuten hier einfach mehr verbunden hat.

Hier seht ihr einen Beweis! (und mich im Saree)

Zwei Tage später fand dann etwas statt, worauf ich sehr stolz bin (und womit ich zusätzlich beschäftigt war vor und nach dem Children`s Day). Und zwar hat eine NGO ein Fußballturnier auf unserem Sports Ground veranstaltet und jetzt kommt es – mit gemischten Teams. Da wir einen sehr erfolgsbezogenen Headmaster haben, war er natürlich nicht sehr glücklich darüber. Die Mädchen können ja nicht mal den Ball kicken. Und somit wurde ich mit dem Training von vier der Mädchen beauftragt, das ich liebend gerne übernommen habe. Allerdings ist es schwer Fußball innerhalb von vier Tagen zu lernen, was zu einigen unangenehmen Situationen geführt hat, vor allem weil mein Ehrgeiz mich zu einer nicht ganz so entspannten Trainerin gemacht hat. Das Turnier war aber ein voller Erfolg. Zum einen weil wir gewonnen haben gegen zehn andere Mannschaften und zum anderen, weil ich es geschafft habe nicht nur die vier Mädchen, die eben als Teil der Mannschaft auch gewonnen haben, zum Fußball zu begeistern, sondern auch die anderen angesteckt. Und seitdem wird in der Games Time mit begrenztem Platz zumindest ein bisschen der Ball hin und her gekickt. Selbst wenn ich nicht da bin. Das macht mich unheimlich glücklich!

Das Gewinnerteam der Loyola Higher Secondary School:)

Abgesehen davon gab es noch ein paar andere schöne Momente von meiner ersten Tamil-Lesung in der Hostel-Messe oder intensiven Fußballspielen mit den Hostel-Jungs.

Was echt lustig ist, ist, dass ich gemerkt habe, wie nicht nur mein Verhalten, sondern auch mein Denken sich verändert. Abgesehen davon, wie viel ich gelernt habe von dem vor einer Klasse stehen bis zu Tamil und Selbstwertschätzung. Aufgefallen ist das mir vor allem, da mir immer öfter Erinnerungen durch den Kopf gehen und wie sehr diese Teil von mir sind, wie glücklich ich sein kann und wie weit diese jetzt entfernt sind. Zum Teil Orte, wie meine Straße oder der Garten meiner Oma mit den hohen Gräsern, aber mir sind auch einfach Sachen über meine Kindheit eingefallen. Wie ich Fußball gelernt habe in meinem Fußballverein und es einen Ball für jeden gab oder gar wie mein Bruder und ich in Pools im Urlaub Fußball gespielt haben. Wie ich barfuß im Sommer Fahrrad fahre oder fürs Abi lernend durch die halbe Stadt jeden Tag gelaufen bin. Diese Welt ist so weit weg für mich und es tut nicht mal so sehr weh.

Auch im Bezug zum Thema Geld (mit dem hab ich auch wegen meiner Kreditkarte gerade einige Probleme) hat sich meine Perspektive sehr stark gewandelt. Ich habe ja keine großen Ausgaben, aber irgendwie habe ich festgestellt, dass ich ganz ungern Geld ausgebe und sich 80 Rupees nicht nach einem Euro anfühlen, sondern nach 80 Rupees. Was ich früher mal fast täglich ausgegeben habe, fühlt sich hier nach einem Vermögen an. Und ich kann es mir einfach auch selbst nicht ganz erklären, wie es kommt, dass ich so viel Geld habe und andere so wenig.

Nach einem vollen Tag hier, brummt aber mein Kopf schon ziemlich.

30.11.2019

Und gestern kam dann der Höhepunkt des gesamten Monats, auf den parallel auch noch hingearbeitet wurde. In einem meiner ersten Einträge habe ich ja erwähnt, dass das Jubiläums-Jahr der Loyola Higher Secondary School miterleben darf und ich kam ja auch direkt an einem Fest hier an, dass ich allerdings fälschlicherweise für die Jubilee-Function gehalten habe. Es war nur das Fest zur Einleitung des Jubiläums-Jahres, die Inauguration. So fand in Kuppayanallur am 29.11. auch für mich Jubilee statt.  Da ich auf keinen Fall wieder passiv werden wollte, habe ich mich früh genug in ein paar Sachen eingebracht und meine Beschäftigung nahm damit umso mehr zu. Dazu zählte dann das English Drama, was aber letztendlich der Brother und ein Englisch Lehrer gestalteten, da meine Vorstellungen von Theatereinüben etwas anders aussahen, als ihre. Dafür habe ich ein hinduistisches Lied auf Tamil gelernt und habe mich mit den Chorkindern angefreundet und da viel Zeit verbracht und zusätzlich meinen Wunsch geäußert, etwas zur Bühnendekoration beizutragen. Erstes lief gut, ich habe aber den Moment verpasst auf die Bühne zu gehen und mit den Kindern mitzusingen. Außerdem hatte ich bis einen Tag vor der Function weder einen Plan, was ich machen darf, noch Material. Die Hostelmädchen und ich, wir haben uns sehr reingehängt und die gefalteten Lotusblüten an einem Tag alle mit roter Farbe angemalt, Hände gemalt und ausgeschnitten und das rechtzeitig am Tag der Function in der Früh um 5.00 Uhr morgens an einen dünnen blauen Stoffbezug der Seitenbühnen gepinnt. Ich war sehr zufrieden, doch auch das war für mich, mit meinem eigenen ästhetischen Geschmack und Kopf schön und dezent ist, ist für den tamilischen Geschmack unzufriedenstellend. Zumal der Wind nicht mitgespielt hat, beziehungsweise das Papier mitgenommen hat. Naja, ich habe mein Bestes gegeben im Anbetracht der widrigen Umstände. Nichts desto trotz muss ich noch ein bisschen lernen, hinter dem zu stehen, was ich gemacht habe mit der richtigen Prise von Ignatius` Indifferenzia.

Das Beste an der Function waren aber andere Dinge. Ich habe, wie eine stolze Mutter einigen der Hostelmädchen beim Tanzen, Singen und Theater Spielen zugeschaut und eifrig Fotos gemacht. Außerdem habe ich bekannte und neue Gesichter getroffen, darunter Jesuiten, wie der frisch appointete Provincial der neuen Chennai-Provinz Jebamalai, eine Schwestern, ehemalige Lehrer und Schüler der Schule und Kuppayanallur-Bekannte. Und neue Freundschaften geschlossen mit einer Ongur-Sister und auch mit den Lehrerinnen. Und, was ich auf keinen Fall vergessen darf, der wunderschöne Uniform-saree, der mir geschenkt wurde (inklusive eines Overcoats, damit die männlichen Schüler nicht auf falsche Gedanken kommen).

Ein verdrehtes Bild von mir und ein paar der Lehrerinnen im Uniform-Saree:)
Father und Provincial Jebamalai bei uns auf der Schulbühne:)

Da ich aber in meinen Berichten und auch mir gegenüber ehrlich bleiben will, will ich meine Tiefen nicht unerwähnt lassen. Der Dreh-und-Angelpunkt der meisten Probleme ist der der Kommunikation. Es ist zwar so, dass ich inzwischen verhältnismäßig sehr viel Tamil verstehe und ein bisschen spreche, aber nach etwa vier Monaten kann man halt auch nicht so viel erwarten. Wenn mir dann die Sister (die meiner Meinung nach keine Ahnung von Fremdsprachen lernen bzw. Lernen überhaupt hat) wütend auf Tamil verständlich macht, dass ich meine Arbeit bei der Study-Time nicht gut genug mache und ihre eigenen Pläne mir aufdrücken will und wütend ist, dass ich nicht ganz verstehe, was ihr Problem ist. Okay, zugegebenermaßen versteh ich es ein bisschen. Manchmal nutzen die Mädchen meine anderen Vorstellungen von Lernen und einem Schulalltag halt aus und es wird nicht durchgelernt in den Studytimes. Aber ganz ehrlich. Was willst du denn von den Kindern erwarten? Und auch manchmal mit den Fathers läuft es nicht ideal. Aber das muss ich einfach akzeptieren und komische Momente und Augenblicke in Kauf nehmen.

Manchmal hat man seine schlechten Tage und verliert jeglichen Referenzpunkt oder seine Werteorientierung. Es ist tatsächlich wie eine Lebensschule, nur komm manchmal ich mit dem Stoff nicht ganz mit. Aber wie gesagt,  ich habe mich schon viel verändert, viel gelernt und abgesehen davon. Was ein Monat!

Ich wünsche eine schöne Adventszeit und dass ihr eure Privilegien entsprechend genießen könnt! Falls ihr etwas teilen und zu einer gerechteren, weil ausgeglicheneren Welt beitragen wollt, hier nochmal das Spendenkonte der Jesuit Volunteers 2019/20:

Empfänger: Jesuitenmission
IBAN: DE61 7509 0300 0005 1155 82 (Liga Bank)
BIC: GENO DEF1 Mo5
Verwendungszweck: X38000 JV

Nochmal liebe Grüße von mir und den Mädchen:) Und ich freue mich sehr von euch zu hören!

3 Kommentare zu „Von wachsender Dankbarkeit“

  1. Ich finde es es faszinierend … und mich fasziniert auch das aufrichtige ringen um Ehrlichkeit … aber die Ehrlichkeit fordert auch, dass es man eher von ganz ordentlich „Tamil“ reden muss, das du sprichst … oder?

  2. Inzwischen kann ich es vielleicht doch etwas beurteilen … ich habe dich Hannah Tamil sprechen gehört … auf Whats-up … und wie du mit den Mädchen gesprochen hast … es war überzeugend!!!!

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