Von einem von drei Monaten

30.10.2019

Es ist jetzt schon wieder seit dem letzten Blogeintrag (der nachträglich veröffentlicht wurde) etwa ein Monat vergangen. Es ist auch genau, wenn nicht noch mehr passiert, als nach dem, was es sich anhört. Wenn auch nicht in Aktivitäten-Richtung, es war mit einer der wichtigsten Monate bisher.

Ich glaube, man hat ein bisschen heraushören können bei mir, dass ich in meiner Einsatzstelle anfangs einige Schwierigkeiten hatte, vor allem aber, dass ich meine Position hier noch nicht wirklich gefunden hatte. Im Gegensatz dazu standen dann die sehr positiven Erfahrungen von meinen Quarterly-leave-Holidays und bei meiner Rückkehr wurde ich dann sehr stark mit meinen Problemen konfrontiert. Ich habe mich bei meinem Mentor gemeldet und ihm eine sehr ehrliche und direkte Nachricht geschrieben, um unter anderem das Gespräch zu suchen. Er hat sich aber zwei Wochen lang nicht gemeldet und stattdessen die Nachricht an einen der Fathers hier weiter geleitet, also im Prinzip das Gegenteil von dem, was ich mir vorgestellt hatte. Natürlich breitete sich die Kunde dann in der ganzen Kommunität aus und ich bekam unteranderem unangenehmes Feedback und dachte für einige Momente, dass ich jetzt Einsatzstelle wechseln werde. Bis zu einem gewissen Maß war das aber auch nötig und für den weiteren Weg hier sehr gut. Ich musste lernen aus der Rolle des freundlichen Beobachters, der leicht in die Passivität rutscht, heraus zu kommen und die Initiative zu ergreifen, ehrlich zu sein und mit meiner Person hier anzukommen. Es war tatsächlich nicht ganz leicht, auch ich, die teilweise mit ihren eigenen Fehlern hadert, dazu zu stehen und das unabhängig vom eigenen Selbstwert zu betrachten. Aber als Vasanth mich dann ein paar Tage später besuchen kam, hatten wir ein gutes Gespräch und beschlossen nach zweieinhalb Monaten die zweite Phase meines Einsatzes einzuläuten.

Die zweite Phase bestand dann aus neuen Aufgaben, einer neuen Einstellung zu den Mädchen und den Fathers und meinem Leben hier, die nicht von einem Tag auf den anderen, aber langsam stetig kam. Inzwischen helfe ich nicht nur jeden Tag einer der Lehrerinnen im Englisch-Unterricht, sondern gebe auch Kunst-Unterricht und gehe manchmal in die Sportstunden mit. Ich habe eine Mal-Box eingerichtet um mit den Hostel-Mädchen zu malen, die wenig bzw. gar keine Stifte haben und bastel eifrig mit ihnen zusammen an Spielen für die rainy season und Dekorationen.

Ein bisschen haben wir auch Impro-Theater Spiele versucht, das hat aber am Sonntagnachmittag (Fernsehzeit) und der Sprache erst mal nicht so funktioniert. Ich gehe auch öfters und sehr gerne die kleinen Grundschüler aus Ongur, der Grundschule im Nachbarsort abholen, und genieße dabei das Grün und die Natur um einen herum. In Kuppayanallur, das ich bis dato noch nicht wirklich gesehen habe, wurden mir ein paar Kontakte vermittelt und da hab ich es wirklich sehr genossen, die Leute dort kennen zu lernen, Gastfreundschaft zu erfahren und sozusagen meine eigenen exposure-Touren zu gehen. Ist dann schon nochmal was anderes alleine. Zum einen, weil die nun wirklich ganze Aufmerksamkeit auf Einem selber liegt und Sprachbarrieren ohne Zweifel ein bisschen Kommunikation erschweren. Andererseits hat man mehr Zeit und kann tatsächlich so etwas wie Kontakte und Freundschaften knüpfen und muss nicht erklären, warum man heute da ist und morgen wieder geht. Bei einer Familie beispielsweise war ich dann auch öfter beim Essen (sozusagen am Familientag Sonntag) und habe mich ein bisschen mit der Tochter angefreundet, die in meinem Alter ist, gerade Chemie in Chengalpattu studiert und sich hier sehr engagiert (im Tution Centre und der Gemeinde). Jetzt öfter in den Gottesdiensten in Kuppayanallur habe ich unter anderem lokale Wahlen für die Gemeindesprecher oder so etwas in der Art mitbekommen, was total interessant war. Beim Chapati-Essen, wurde mein gesamter Arm voll mit Henna (hier: Mahanadi) bemalt, ich habe Schmuck umgehängt bekommen und dann durch Malen, Lächeln, Zuhören versucht etwas von dem zurück zu geben, was ich hier in einer Unmenge bekomme.

Und ich bin eigentlich ganz schön stolz, dass ich ein paar Aufgaben, die auch noch ausbaufähig sind und mich und mein Selbstbewusstsein hier gefunden habe.

In Kuppayanallur leben ausschließlich Dalits, darunter viele Christen, aber auch Hindus. Regelmäßig hört man vom Dorf entweder die Messe live durch Lautsprecher übertragen oder tamilische Musik, Trommeln und Gesänge aufgrund anderer Functions. Ich habe mich eben vor allem mit der einen Familie angefreundet, mir wurde aber gesagt, ich solle auf keinen Fall ausschließlich in dieses Haus gehen, da sonst die anderen Familien und Dorfbewohner neidisch werden und das sich auf die Familie negativ auswirken kann. Die Leute reden hier nämlich viel und sind und wenn man dem einen Father Glauben schenken will funktionieren sie so, wie menschliche Überwachungskameras mit einer Vorliebe für Menschen mit weißer Haut. Noch ist es allerdings nicht so leicht auch zu anderen Familien zu gehen, weil ich eine angelernte Abneigung habe, mich selber irgendwo einzuladen und auch erst gar nicht alleine einen Schritt in dieses Dorf setzen darf.

Der Alltag, der übrigens für mich dann irgendwann entstand und an den ich mich noch nicht wirklich gewöhnt habe, ist verallgemeinert das Leben eigentlich aller Leute hier. Unglaublich viel Arbeit den ganzen Tag durch, durchzogen von Pausen wie Essen und Schlafen, aber dann auch schon wieder Programm. Mir geht es damit ganz gut, ich genieße dabei aber auch viele Freiheiten. Andere meiner Mitarbeiter hier werden von den Fathers schon geschimpft, wenn sie auf Grund von Krankheit mal drei Tage nicht die Kinder nach Ongur bringen können (der Teacher) oder nicht zur Messe sonntags gehen (der Warden). Als es für mich vor einer Woche hieß am Mittagstisch, ich fahre für vier Tage nach Chennai, wenn ich wolle, waren es auch leicht gemischte Gefühle. Zum einen habe ich mich über die Pause gefreut, aber ich hatte auch ein sehr schlechtes Gewissen den Hostel-mitbewohnern gegenüber, die so gut wie nie Ferien haben und mit denen ich die drei Feiertage über Dibawali verbringen wollte. Aber so saß ich dann spontanst eine halbe Stunde später mit einem Father und dem Driver im Auto nach Chennai. Ohne Plan, Programm und Idee.

Aber die Tage, die ich in Chennai verbrachte waren wieder super und haben mich noch eine Stufe mehr mit Indien verbunden. Immer wenn ich in Chennai bin, kann ich mit genügend Abstand auf alles blicken und die Aufenthalte, bzw. wie ich mich dabei gefühlt habe, lässt sich erstaunlich gut vergleichen. Und nach drei Monaten Indien fühlt es sich tatsächlich schon nochmal anders an, in den Zügen zu sitzen, durch T-Nagar zu laufen und auch die Jesuit Residence am Loyola Campus. Endlich habe ich in genügend (?) Kleidung gekauft und dabei die One-Hour Stitching Shops in den hinteren Gassen und im Häuserinneren entdeckt, was mit all den bunten Stoffen, Fädchen und Nähmaschinen wirklich eine Welt für sich ist. Ich habe die Lehramts-Studenten aus Kilpennathur wieder getroffen, deren Dibawali-Function beigewohnt und mich ein bisschen mit ein paar von ihnen auch angefreundet. In meiner Position kann man sich die Leute ein wenig aussuchen, da grundsätzliches Interesse von allen besteht, was mir eigentlich so nur selten davor passiert ist. Mit einer Studentin bin ich auch einen Tag später zur Marina Beach gefahren, dem zweitlängsten Strand der Welt und dem ganzen Stolz Chennais. Wir haben das volle Programm gemacht, von Pferdereiten bis uns in Kleidung in die Wellen setzen, Chicken Noodles essen und über Gott und die Welt reden. Und dabei ist mir aufgefallen, wie gerne ich etwas tiefgründigere Gespräche führe, die Kuppayanallur nur begrenzt möglich sind.

Ich bin jetzt drei Monate in Indien und mir hat sich eine neue Kultur aufgetan mit Welten zu erkunden. „Do you like indian culture?“ ist eine sehr häufig gestellte Frage, auf die es in der Öffentlichkeit nur eine Antwort geben kann. Viele sind überrascht, wenn ich in Chudidar mit Bhindi auftauche und geflochtenen geölten Haaren, was für mich normal geworden ist. Ich habe aber noch Luft nach oben. Meine fehlenden Ohrlöcher, Fußkettchen und Armreifen fallen teilweise ebenso auf. Do I like indian culture? Am Anfang wurde mir kein Platz gelassen, selber eine Antwort zu finden, zumal besonders die Tamilen sehr stolz auf ihre Kultur sind. Letztens ist mir wieder etwas eingefallen, was wir in einem der Vorbereitungsseminare besprochen haben über Kultur und kulturellen Austausch. Kultur ist viel mehr als nur Traditionen und Bräuche, von denen es in Form zahlreicher Functions hier sehr viele gibt. Kultur kann laut dem Wissenschaftler Fons Trompenaar unterteilt werden in die explizite Kultur, die wir mit den Sinnen wahrnehmen und sich in eben Kleidung, Gerüchen, Geräuschen, Verhalten aber auch Hautfarbe ausdrückt. Und dies kann ich sagen hab ich wahrlich liebgewonnen. Die Stimmung, die Farben und das eigene Tempo der indischen Außenwelt, vor allem der Straßen ist Wahnsinn und ich bin jedes Mal so dankbar, wenn ich ein bisschen Zeit habe und Teil dieser Welt bin. Mit der impliziten indischen Kultur hatte ich ein bisschen meine Probleme. Bis man versteht, was Höflichkeit, Humor, Religion, Provokation und auch Ausgrenzung hier bedeutet, hat es ein bisschen gedauert, aber inzwischen versteh ich ein bisschen mehr. Die implizierte Kultur basiert zunächst auf den Normen und Werten, welche nicht unbedingt mit den meinen entsprechen, dann aber auch sogenannten Grundannahmen. Und in dem Kontext… Wenn mich jemand fragen würde, ob ich es mag, wenn grundsätzliche strukturelle Ungerechtigkeit Kern des gesellschaftlichen Zusammenlebens ist oder ob ich es gut finde, dass Mädchen bzw. Frauen grundsätzlich schlechte Chancen haben, besonders wenn sie aus armen Familien aka unteren Kasten kommen. Ich glaube, ich kann das als rhetorische Fragen stehen lassen.

Zurück zum angenehmen Teil der expliziten Kultur und von der habe ich wie auch schon erwähnt immer mehr entdeckt. Unter anderem habe ich angefangen indische Musik zu hören, aber vor allem auch mich für die tamilischen Filme zu interessieren (ich habe super Kontakte zu den Visual-Communication Studenten). „Kollywood“ (Filmindustrie sitzt im Chennai-Stadtteil Kodambakkam) boomt und ist in Abgrenzung zu Bollywood ein eigenes Universum für sich. Inklusive einer extremen Hero-Kultur und Massenhysterie bei Filmreleasen und Anwesenheit der Helden und großen Persönlichkeiten. Bei dem neuesten Vijay-Film „Bigil“ habe ich das ein bisschen mitbekommen, aber dazu später mehr. Man kann hier Film grob in „commercial movies“ und „realistic movies“ unterteilen. Die Filme, die für die breite Masse eine ideale Realität inszenieren bringen Unmengen an Geld ein und werden oft (wie an sehr vielen Orten der Welt) nur noch dafür gemacht. Diese kennzeichnen sich durch unrealistische Kampfszenen, in denen der Hero praktisch unbesiegbar ist, eine Liebesgeschichte vorkommt (das ist dann die Heroin) mit viel Tanz, Musik und Tam Tam. Die drei großen Tamil-Heroes, für die Fans Schlange stehen und bei den bloßen Spielen ihrer Lieder wortwörtlich kreischen sind neben Vijay, Suriya und Ajith Kumar.

„Bigil“, Vijays neuester Film (Vijay ist inzwischen 45, spielt aber einen 20-Jährigen) erschien am Dibawali-Wochenende, an dem ich auch in Chennai war. Eine Einladung, den Film mit ein paar Studenten in einem öffentlichen Theater zu sehen, konnte ich leider nicht annehmen, aber ich bin dann an einem Samstagmorgen in ein privates Film-Theater gefahren. Der Hauptfinanzier des Films ist nämlich Alumni des Loyola Colleges (wie so viele) und hat den Fathers 15 Karten überlassen für eben diese Privatvorstellung, wo ich dann mitgenommen wurde. Der dreistündige Film hat eine Pause gehabt, in denen wir Biryani und italienische Noodeln gegessen haben.

Die öffentliche Begeisterung von Filmen habe ich dann aber erst richtig am nächsten Tag mitbekommen. Da an Dibawali auf den Straßen Chennais viel los ist, haben mich die Jesuiten, die Dibawali überhaupt nicht feiern, eben ins Kino geschickt (lustigerweise in der gleichen Mall, in der ich am selben Tag spontan mit der Sekretärin war). In einen realistischen Film, Asuran mit dem Schauspieler Danush, der meiner Meinung nach unglaublich gut ist, auf einer Ebene mit Schindlers Liste, weil –und das habe ich wirklich überhaupt nicht erwartet- es eben so realistisch um die Ungerechtigkeit in der indischen Gesellschaft ging. Konkret um das Schicksal einer Dalit-Familie und die Konfrontation mit „higher caste people“. Natürlich gab es, typisch indisch, trotzdem dieses Heldenbild, teilweise relativ viel Brutalität, Musik und Tanz, aber das gehört halt dazu. Und mit der grundsätzlichen Message des Films, das der einzige Weg aus diesem System und die einzige Möglichkeit sich zu emanzipieren, Bildung ist, ist der Film unschlagbar. Und es stimmt. Ich lag am Ende nach etwa drei Stunden Film weinend in meinem Sessel und hab gar nicht wirklich kapiert, dass der Film jetzt zu Ende sein soll. Der Film hat mich aus meiner Lebensrealität katapultiert und letztlich noch näher an sie heran gebracht, abgesehen davon, dass einem in einem Kino mit gepolsterten Sesseln auffällt, was für ein einfaches Leben man doch hier führt und auch das war ein schönes Gefühl.

Abgesehen gibt es meinem Dasein hier noch mal ein bisschen mehr Sinn. Kinder aus genau solchen Verhältnissen bei einem emanzipatorischen Prozess zu unterstützen und sie vielleicht an eine angenehmere Zukunft heran zu führen, ist doch etwas sehr Schönes.

In dem Sinne wünsche ich euch einen schönen Herbst und freu mich, wenn ihr euch Asuran anschaut, euch Gedanken macht und sie mit mir teilt! Liebe Grüße nach Deutschland:)

PS: Da mein Laptop-Bildschirm gebrochen ist, schaff ich es zeitlich und mental nicht, Bilder hochzuladen. Ich hoffe, man kann sich auch so alles ganz gut vorstellen und gerne über jegliche anderen Medien nach Bildern fordern:)

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