Von Horkruxen und anderen Zaubern pt.2

06.10.2019

In den Dörfern, die wir besucht haben, leben unter anderem Arunthatiar. Dazu muss man wissen, dass jede Kaste noch etliche hierarchisch geordnete Unterkasten hat und die Arunthatiar, die mit Leder arbeiten (also Schuh-Sohlen und Sofas oder so) sind selbst innerhalb der „kastenlosen“ Dalits ganz unten. Die Jesuiten der Kommunität in Kilpennathur kümmern sich um mehr als 50 Dörfer, indem sie sowohl menschlich, als auch rechtlich um die Rechte dieser Bevölkerungsschicht kämpfen, die immer wieder aktuell unterdrückt wird. In einem der Villages zum Beispiel, verbot ein höher stehender Dalit den Arunthatiar im gleichen Dorf den Zugang zum Trinkwassertank, der auf seinem Grund steht und sobald diese kamen wurden sie beschimpft und sogar mit Steinen beworfen, wie mir der zuständige Father Ray erzählte, den ich sehr zu schätzen gelernt habe.

Es macht es leichter zu verstehen, wie die Leute sich verhalten, wenn man als weißes junges Mädchen auf sie zugeht.

Einfacher zu ertragen für mich persönlich nicht unbedingt. Es war jedes Mal aufs Neue viel Arbeit, durch Lächeln, gebrochenes Tamil und Menschenkenntnisse, Vorurteile von Desinteresse, Ignoranz, Eitelkeit und Arroganz aus dem Weg zu räumen. Und dabei habe ich Sachen erlebt, da kommen mir jetzt noch die Tränen, weil es einfach so ungerecht und so berührend ist. Ich habe Telefonnummern, Blumen ins Haar gesteckt, Limetten, Erdnüsse und einmal sogar einen Hundewelpen in die Hand gedrückt und tausende andere Sachen angeboten bekommen. Nach anfänglichen Schüchternheit auf Seiten der Kinder, mit der ich inzwischen besser umgehen kann, wurde ich teilweise von allen Seiten umringt, habe mein Kurzzeitgedächtnis mit indischen Namen trainiert und habe kleine und große Hände geschüttelt. Allein, wenn ich die Leute berührt habe, haben sie sich gefreut und es hat meistens das Eis gebrochen, das doch oft da ist. Natürlich habe ich mir die Frage gestellt, womit ich die Aufmerksamkeit verdient habe und natürlich ist die Frage relativ einfach zu beantworten. Ich habe sie nicht verdient. Genau so wenig, wie ich die Privilegien und die Freiheit verdient habe. Es ist alles eine Frage der Hautfarbe und das ist schon ziemlich traurig und erschütternd. Das Einzige, was ich geleistet habe, ist die Entscheidung zu treffen hierher zu kommen und mich dem Ganzen zu stellen, meinen Teil zu etwas Besserem beizutragen und vielleicht noch, die Offenheit und der gute Wille anderen Menschen gegenüber, aber das ist eigentlich nicht, worauf man sich was einbilden sollte. Es sollte selbstverständlich sein.

Hier bei einer unserer Wanderungen über die sumpfigen Felder um eines der Dörfer (mit den Kindern aus den Dorf hab ich später noch den Hügel im Hintergrund beklettert).

Als ich einmal gefragt wurde, ob ich schon gegessen habe und ich der Wahrheit gemäß „Nein“ sagte, zog mich eine sehr nahe stehende junge Frau, die nicht sprechen konnte, mich mit ihren beiden schon älteren Töchtern mit zu sich nach Hause und gab mit Reis mit Sambar und Pickles. Ich hatte ein bisschen Panik, dass man mich sucht und sich Sorgen macht (ich habe mein Handy nicht in die Villages mitgenommen) und wir waren alle bisschen hektisch. Aber von einer fremden Person habe ich in meinem ganzen Leben noch nie so ungefragt Gastfreundschaft erfahren, es hat mich sehr berührt. Und trotz aller Sorgen kam ich auch zur perfekten Zeit wieder zurück zum Sammelplatz, wo das cultural programme stattfinden sollte.

In einem anderen Dorf, kam ein sehr alter Mann auf mich zu. Ich war das inzwischen gewohnt, deshalb schüttelte ich seine Hand, fragte nach seinem Namen. Er wollte, dass ich für ihn bete und zwar dort und sofort, auf der Straße. Ich sollte ihm meine Hand auf die Stirn legen. Ich tat es, auch wenn ich mich dafür überhaupt nicht im Stande sah, ich habe dann doch einiges Respekt vor dem Alter. Ich tat es viel zu lange, aber ich konnte mich nicht rühren, weil mir die Tränen in die Augen stiegen. Womit habe ich das verdient?

Ein anderes Mal musste das cultural programme abgebrochen werden, weil es sehr heftig zu regnen anfing und ich fand mit ein paar Kindern Zuflucht im Zuhause einer Frau unter einem Blechdach. Es war ganz schön gruselig, dank Stromausfall und Finsternis und der akustischen Verstärkung des Regens auf dem Wellblech. Irgendwann hab ich mit einem der jungen Tänzer (Vijay, etwa 10) angefangen Klatschspiele (die ich auch gelernt habe während der Zeit) zu spielen, was dann damit endete, dass alle, auch die Hüttenbewohnerin, in einem Kreis saßen und geklatscht haben, was tatsächlich sehr lustig war. Wirklich aufgehört hat der Regen aber nicht und wir sind unter einer zusätzlichen Plastikplane stehend auf den Trucks zurückgefahren.

Als Father Ray bemerkte, dass ich schnell lerne, gab er mir ein Tamil-Lied, das ich doch lernen und beim nächsten cultural programm vorsingen könnte. Ich hätte nie gedacht, dass ich das schaffe, aber dank Unterstützung der Kinder dort und Karolin, einer 26-jährigen Lehrerin, habe ich zwei Tage später dann tatsächlich vor einem versammelten Dorf, den Studenten und Kindern gesungen. Manche der kleinen Jungs sangen mir auch tamilische Liebeslieder vor (romantic ist hier so das beliebteste genre), was irgendwie süß war. Der Gruppentanzlehrer hat mir spontan einen traditionellen Tanz beigebgracht mit dem Namen „Deverathan“ und bei der sozusagen finalen Aufführung in einer Schule in Tiruvannamalai hab ich dann mitgemacht und nochmal „Thaipalum Thannerum“ vorgesungen. Ein Lied über die Bedeutung von Wasser und der Achtsamkeit damit.

Ein kleiner Ausschnitt der Gruppe vom Ahal-Centre inklusive Singlehrerin und Köchin und mir.

Wasser spielt in Tamil Nadu eine wichtige Rolle. Es ist natürlich Lebensgrundlage für Bauern, für Tiere, Pflanzen und alle anderen Menschen, wie überall auf der Welt. Aber da man hier die Auswirkungen des Klimawandels sehr deutlich spürt, beispielsweise in Form von ausbleibenden Regen, zu frühen Regen und selten zu viel Regen, hat Wasser hier einen anderen Stellenwert. Da hier nach einem sehr sehr trockenen Sommer in letzter Zeit ganz guter Regen fiel, haben wir auch einen Ausflug zu den Jagalamparai-Wasserfällen machen können und konnten uns dort in typisch indischer Art, in Kleidung unter die herabprasselnden Tropfen stellen.

und die Freude der Inder dabei ist echt ansteckend!

Auf der Fahrt (die Dank den indischen Straßenverhältnis, der lauten Musik und dem versuchten Tanzen im Bus echt erinnerungswürdig ist) habe ich mich auch mal mit Father Ray unterhalten, der mich auf die vielen leeren Wasserbecken aufmerksam gemacht hat und meinte, dass in den nächsten Jahren sicherlich ein Krieg ausbrechen wird auf Grund von Wassermangel. Ein anderes Mal nahmen die Leute der cultural group mich auf die Felder mit. Ich dachte, um sie mir zu zeigen oder so, es ging aber dann letztendlich um einen „Swimming pool“ aka „Well“ aka Wasserloch, das schln bis zum Rand gefüllt war. Ich war zwar nicht die erste, die hineinsprang, aber auch nicht die letzte und die Leute waren ganz schön baff. Viele, vor allem die Mädchen, können nicht schwimmen und auch nach europäischem Standard würde man das Wasser vielleicht eher meiden (Hygiene und auch Schlangen). Es war aber ehrlichgesagt mit das Schönste seit Langem!

Von Kilpennathur aus habe ich außerdem ein paar Sachen besucht, wie zum Beispiel das Rhani Kottey bei Senji Fort

(die Festung einer Königin; Tamil Nadu wurde früher von vielen nordindischen Eroberern regiert)

und die St.Joseph`s Chapel mit der Höhle in der St. John DeBritto (einer der wichtigen jesuitischen Heiligen) sich vor seinen Verfolgern versteckt haben soll.

hier mit Father Ray und drei Tänzerinnen:)

Extrem spannend war auch der Besuch in Tiruvannamalai für den Arunachalesvana Tempel, der Shiva geweiht ist und im Süden einer der wichtigsten hinduistischen Tempel. Da ich mit den hinduistischen Studenten mitgegangen bin, haben wir einen richtigen Tempelbesuch gemacht, was ich so in meinem Leben noch nicht gesehen habe und jenseits meiner Vorstellungen lag. Vor dem Tempel wurden Kerzen und Blumenketten gekauft. Die Kerzen wurden vor dem Eingang zum eigentlichen Kern der Tempelanlage bei dem Götterboten und Diener von Shiva „Nandi“, einem Stier, angezündet.

so sah das dann vor „Nandi“ aus.

Er bewacht den Tempel, trägt aber auch Wünsche, Gedanken und anderes zu den Göttern. Danach schmiert man sich weiße Asche auf die Stirn. Shiva als Statue haust in der mittleren Pagode mit vielen seiner Avataren, also Erscheinungsformen, die einzeln verehrt und angebetet werden. Um Shiva zu sehen muss man eine Zeit lang anstehen und wenn man kein Geld bezahlt, sieht man Shiva auch nur in dritter Reihe durch eine Durchreiche, während Brahmanen-Priester sich dort um alles kümmern von Spenden, Erinnerungskärtchen, Räucherstäbchen und begießen von Shiva mit einer Mischung aus Gee, Milch und Honig. Ihn sozusagen zu füttern (Reine Verschwendung von vielen teuren Lebensmitteln meinte Brother Amal). Danach haben wir im Nachbartempel noch seine Frau besucht, der Tempel war aber weit leerer und weniger geschmückt, wir haben eine Säule angebetet, uns weitere Farben auf die Stirn geschmiert und Fotos gemacht. Es war einfach sehr beeindruckend, vor allem aber wenn man bedenkt, dass man den Hinduismus durchaus kritisch betrachten sollte (jeden Falls was die Kastenlehre betrifft).

Beim Fotos machen draußen haben wir dann auch noch Pilger gesehen (orange gekleidet), die oft mehrere Tage am Stück hierher ziehen. Ohne Pause.

Nach Kilpnnathur ging es weiter nach Vettavalam, einem Jesuiten-College für die Leute aus den Dörfern, wo ich zusammen mit den Studenten und Fathers zwei ganz schöne, ruhigere Tage verbrachte und anschließend wieder über Dindiwanam nach Hause nach Kuppayanallur.

Ich könnte mich noch ewig in irgendwelchen kleinen Geschichten und Details verlieren, in Personen und Begegnungen. Aber die grundsätzlichen Sachen, die ich aus der Reise mitnehme, sind die Offenheit für Momente, Aufgaben und Personen und das vieles, was hier nicht so läuft nicht unbedingt an meinem Unvermögen liegt. Ich bin in der Rolle der weißen Frau, von der erwartet wird, dass sie sehr selbstbewusst und sicher in ihrem Handeln ist, im Gegensatz zu den Tamilinnen. Man kann mehr als man denkt und man kann lernen. Und dass ich für mein Leben nicht berühmt sein will, weil die ständige Aufmerksamkeit nicht nur unglaublich anstrengend ist, sondern auch auf sein Äußeres reduziert zu werden, das heißt jetzt vor allem Hautfarbe etc. tut manchmal ziemlich weh. Vielleicht sind es auch nicht Horkruxe, die da auf der Reise entstanden sind (und hier in Indien noch dauernd entstehen werden), sondern erst mal geschlagene Wurzeln. Den allgemeinen Zauber, der überall im Leben zu finden ist, den habe ich inzwischen sehr gut kennen lernen dürfen. Ich kannte nur Kuppayanallur, langsam lern ich auf mehr als nur einem Bein zu stehen hier in dem Land, in dem man sonst von Leuten überrannt wird, und das tut sehr gut.

Von euch zu hören freut mich wie immer sehr! Und natürlich auch über Fragen, Kritik und Anregungen. Romba nandri und take care! Hannah

2 Kommentare zu „Von Horkruxen und anderen Zaubern pt.2“

  1. Das ist nicht selbstverständlich:

    „Das Einzige, was ich geleistet habe, ist die Entscheidung zu treffen hierher zu kommen und mich dem Ganzen zu stellen, meinen Teil zu etwas Besserem beizutragen und vielleicht noch, die Offenheit und der gute Wille anderen Menschen gegenüber, aber das ist eigentlich nicht, worauf man sich was einbilden sollte. Es sollte selbstverständlich sein.“

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