Indische Realitäten

09.09.2019

Nachdem ich in letztem Eintrag geschildert habe, wie das indische Leben so auf mich wirkt und sich auswirkt, will ich doch auch ein bisschen mehr objektiv über die kleineren und größeren Besonderheiten reden, die es offensichtlich gibt und die mir manchmal immer weniger, manchmal immer mehr auffallen.

Ich fang mit den Sachen an, über die ich oft gar nicht mehr nach denke und die jetzt einfach zu meinem Leben gehören. Wie die Mädchen auch in ihrem Schlafsaal neben mir, schlafe ich nicht auf einer Matratze (ich hatte zumindest mal eine, aber die zerbröselte und so war ich jeden Tag am kehren), sondern „nur“ auf einer Bambusmatte, die auf einem Metallgestell liegt, dass ich mein Bett nenne. Anfangs tat mir tatsächlich alles weh, heute würde ich es gemütlich nennen. Gereinigtes Wasser bekomme ich in einem großen Bottich ins Zimmer getragen (oder ich hole es mir unten selber) und bis lang habe ich wider Erwartens nur eine einzige Plastikflasche benutzt. Das Wasser wird außerdem immer geteilt und das ist zudem äußerst hygienisch. Beim Trinken aus der Flasche oder dem Becher setzt man diesen nicht an den Mund an, sondern gießt sich das Wasser in den Mund. Zugegebenermaßen erfordert es viel Übung, sich dabei nicht nass zu machen. Ich habe zwar den Luxus einer richtigen Dusche, aber um an warmes Wasser zu kommen, muss ich mit Eimerchen vorlieb nehmen, die ich einzeln auffüllen muss (was hier eigentlich Normalität ist). Außerdem wasch ich meine Wäsche ja mit der Hand und (seit es mir eines der Mädchen gezeigt hat) auf dem Boden meines Bades mit fester Seife. Meinen Müll kippe ich (sehr zu meinem Missfallen) auf die Müllkippe der Schule, die sich aktuell auf dem Sportplatz der Mädchen befindet und des Öfteren einfach angezündet wird. Ich habe jetzt aber beschlossen, Plastik etc. zu sammeln, auch aus Neugierde, wie viel ich denn dieses Jahr verbrauche. Und zur Alltagshygiene gehört natürlich das Essen mit der rechten Hand, da die andere „unreine“ Hand für die körperliche Pflege an den Stellen genutzt wird, für die wir Klopapier haben. Das hab ich noch nicht ganz durchziehen können, aber mein Klopapier kommt langsam zur Neige, also wer weiß was da kommt…

Das Leben der Mädchen ist weniger lustig. Ich habe den Schlafsaal ja schon erwähnt und als ich ihn das erste Mal gesehen habe, hat es mich schon ganz schön getroffen.

Hier schlafen 32 (?) Mädchen, drei Grundschülerinnen und manchmal auch der Kitchen Staff.

Im Vergleich zu den Häusern in den Dörfern allerdings, die für eine ganze Familie oft kleiner sind als mein Zimmer, versteht man das Bambusmatten-Ausrollen und die Metallregale, wo die persönlichen Sachen der Kinder offen liegen doch besser. Aber Diebstähle oder Verluste passieren, wenn sie zum Beispiel Geld nicht beim Warden abgeben. Abgesehen davon ist grad Exams-Time, das erste Viertel des Schuljahrs neigt sich dem Ende zu und die Mädchen müssen noch mehr büffeln und lernen wie sonst. Die erste der drei Study times beginnt um viertel vor sechs und die letzte endet um zehn Uhr abends. Zusätzlich zur Schule wird also in etwa dreieinhalb Stunden gelernt. Und das nur unter der Woche. Sonntags kommen weitere drei Stunden vor dem Mittagessen dazu in einem Kontext, der mit Pädagogik und persönlicher und kreativer Erziehung nicht so viel am Hut hat. Schlafen die Kinder ein oder machen irgendetwas anderes, werden sie geschlagen und dabei ist der „stick“ nicht nur während der study times präsent, sondern auch während dem Essen, dem zu Bett gehen und dem ganzen Leben hier. Das könnte auch erklären, warum die Mädchen sich zusätzlich untereinander öfter ziemlich prügeln. Zum einen sind alle, und das ist echt schön zu sehen, oft für einander wie Schwestern, helfen sich gegenseitig und gehen miteinander wahnsinnig fürsorglich um. Zum anderen wird eben diese Gewalt oft schon zuhause von klein auf mitgegeben, begleitet die Kinder durch die Schulzeit und eben im Hostel und verankert sich so schon etwas in der Gesellschaft. Wenn ich dazwischen gehen will oder sage, sie sollen aufhören, werde ich meistens nur amüsiert angeschaut oder gar angelacht.

Und trotzdem haben wir oft Spaß. (hier mit den Kleineren vor dem Hosteleingang)

Ja:)

Mit letzter Woche, in der ich sehr plötzlich (ich kam gerade vom Essen im Zimmer mit den beiden Hostel-Warden zurück) sehr starkes Fieber bekommen habe, habe ich mich tatsächlich nochmal in einem anderen Kontext gefühlt. Es hat mich fasziniert, wie sehr sich um mich gekümmert wurde, auch einfach da ich inzwischen Teil des Ganzen hier bin, aber eben auch, wie mit Krankheit oder eben Hygiene umgegangen wird. Ich wurde ab Tag Eins praktisch zum Essen gebracht, auch wenn ich gar keinen Appetit hatte. Aber da Essen eben Medizin ist und der Körper stark sein muss, muss man sich eben manchmal zum Essen auch zwingen (wurde mir so gesagt oder auch „take it as a medicine“). Umgesetzt wurde das dann dadurch, dass mir extra French Toast oder Kanji (Reis in Milch gekocht) mit Koriander-Chutney gemacht wurde und ich das unter Aufsicht der Sister oder der Köchinnen persönlich essen musste/durfte.

Hier meine persönlichen Krankheits-Dosai, Chutney und Krukuma-Milch auf meinem Bett.

Ebenso kam ich auch, jetzt insgesamt Zwei mal zum Arzt, aber da er einem nur Fragen stellt (zum Glück können die Ärzte hier gut Englisch) und einem daraufhin Medizin verschreibt, bin ich nicht schlauer, nur Antibiotikum reicher. Beim ersten Mal habe ich noch gezögert, seit dem zweiten Mal schlucke ich fleißig Antibiotika, was einem der Fathers nicht so gefallen wird, da er mich anfangs ein bisschen mit der alternativen tamilischen Medizin bekannt gemacht hat. Zum Beispiel hat er mir Castor Oil (Rizinus Öl) gegeben, dass ich mir auf meine Fußsohlen und Bauchnabel schmieren soll, um meinen Körper zu kühlen. Vor jedem Bad soll man etwa einen Liter Wasser trinken, während dem Bad einen Schluck Wasser im Mund behalten, dann unten bei den Füßen beginnend heiß mich abduschen und wenn ich oben am Kopf angekommen bin, das Wasser ausspucken (es soll nun die Körperwärme aufgenommen haben). Duschen ist hier übrigens sehr wichtig und kein Punkt, wo man Wasser einsparen sollte, da man hier viel schwitzt und außerdem vielen Keimen und Krankheitserregern ausgesetzt ist. Also, einmal pro Tag duschen a 15 Minuten ist hier Pflicht. Außerdem war letztens meine rechte Hand seltsam angeschwollen, da hat mir die `Kitchen Amma´ eine Paste aus Laubblättern gedrückt und mir auf die Hand geschmiert. Geholfen hat dann aber vor allem die Zeit. Die Mädchen schwören bei allen Arten von Kopfschmerzen auf einen Pain Balm. Und während ich halb schlafend, halb wachend auf meiner Bambusmatte lag, hat mich eines der Mädchen sogar damit einmassiert. Trotz Protesten meinerseits. Ich muss sagen, obwohl ich kein allzu großer Fan von dem Geruch bin, geholfen hat es schon.

12.09.19

Ich schlage jetzt ein nächstes sehr großes Thema auf passend zum indischen Leben. Natürlich habe ich bevor ich nach Indien kam schon über das Kastensystem gehört, ich habe auch ein wenig recherchiert, aber konkret innerhalb der ersten Wochen hier nicht viel mitbekomme außer der extremen Hierarchie, die man als Außenstehender jedoch nicht ganz versteht. Im Gespräch mit einem der Fathers, der sich meiner in den kulturellen Dingen ein wenig angenommen hat und den Dokumenten, die ich von Anand Amaladass zugeschickt bekommen habe, habe ich aber einiges über Geschichte und Realität dieses Gesellschaftssystems erfahren und insgesamt das Leben in Tamil Nadu, das ich sehr gerne teile.

Einer der vielen kleinen Tempel, die das indische Stadt (Dorf-) Bild prägen.

Unter Wissenschaftlern wird davon ausgegangen, dass das Kastensystem, also die Aufteilung der Gesellschaft in vier „varnas“ also Kasten Produkt des Kolonialismus und dementsprechend der eurozentristischen Perspektive auf den Osten ist. Die „arische Einwanderungsthese“, die auf der Verwandtschaft von Sanskrit mit den europäischen Sprachen basiert (im Gegensatz zu den dravidischen Sprachen im Süden, zu denen auch Tamil zählt), besagt, indoeuropäische Stämme sind im 2. Jahrtausend vor Christus nach Indien gekommen und haben die dortige Bevölkerung unterworfen. Basierend auf dieser Annahme wurde die herrschende Schicht als die Nachkommen dieser „aryar“ gesehen, die „Brahmanen“ und die restlichen in Krieger „ksatriyas“, Händler und Gewerbe, den „vishyas“ und den Unterworfenen, den „sudras“, also praktisch untergeordnet und unterworfen. Außerdem werden auch viele Inder als außerhalb dieses Kastensystems stehend angesehen und „dalits“ genannt und dabei strukturell, finanziell und sozial ausgebeutet und unterdrückt und das bis heute. Unterstützt durch den Hinduismus lässt sich so eine Struktur aufrechterhalten, die einen Großteil der Bevölkerung als „Unberührbar“ einstuft und ihnen jegliche Form von Freiheit oder Selbstbestimmung nimmt. Jeder hier hat noch eine Kastenzugehörigkeit, die auch dem Staat bekannt ist und das Leben prägt, wenn nicht sogar bestimmt. Hier in den Villages, auch Kuppayanallur, sind viele Dalits. Das kann man oft auch einfach nach Village festmachen. In der Schule sind Dalits sogar die Mehrheit, was den Kindern zumindest die Sicherheit gibt von ihren Altersgenossen nicht gemobbt zu werden auf Grund der Zugehörigkeit zu einer abstrakten Kategorie. Je nach Kaste gibt es die zugehörigen Jobs und die Kasten bestimmen auch immer noch wer wen heiraten darf und wen nicht (und machen damit `Love Marriage´ umso schwieriger). Wenn nämlich ein Dalit Mann eine Frau aus einer der vier Kasten heiratet, müssen beide immer noch damit rechnen ermordet zu werden von den eigenen Familienangehörigen.

Das mit der Liebe ist eh so eine Sachen bzw. das Thema Mann und vor allem Frau. In dem ganzen unfairen System der Kategorisierung der Menschen, haben Frauen unabhängig ihrer Kastenzugehörigkeit einfach das schlechtere Los gezogen. Vor allem aber Dalit-Frauen werden ausgebeutet und praktisch als Freigut gesehen, über die jeder verfügen kann, selbst wenn diese verheiratet sind. Abgesehen davon ist die tamilische Kultur eine ziemlich verklemmte mit wahnsinnig vielen Konventionen und Einschränkungen. Jede Berührung, die über Händeschütteln hinausgeht, ist gesellschaftlich inakzeptabel. Eine Frau geht sowieso nur mit Mann auf die Straße, am besten ihrem eigenen und hat sich auch durch einen Schal zusätzlich zu bedecken. Letztens hat einer der Fathers mich zur Hochzeit seines Bruders eingeladen. Diese Einladung konnte ich allerdings nicht annehmen, da er schon früher gefahren ist und der andere Father mich nicht mitnehmen konnte, da ein Father nicht alleine in der Öffentlichkeit (!) mit einer Single-Frau unterwegs sein darf. Ja es geht so weit. Und ja, es macht mich manchmal ganz schön irre. Aber genau deswegen ist die Schule und Bildung im Allgemeinen auch vor allem für die Mädchen und Frauen hier so wichtig, denn das ist oft der einzige und zuverlässigste Weg, Mädchen aus dieser Unterdrückung von Geburt an zu holen. Und da viele Schulen ausschließlich für Jungs sind und auch viele Familien die Schoolfees nur für ihre Söhne bezahlen (wenn das Geld nicht da ist oder die Mädchen als Fabrikarbeiterinnen prädestiniert sind) ist es umso wichtiger, sie dabei zu unterstützen.

Gerne stehe ich zu Fragen bereit und freue mich auch meinerseits auf eure Unterstützen jeglicher Form (ob in Gedanken, Nachrichten oder auch finanziell über Jesuit Volunteers).

Grüße an alle aus dem bunten Indien (oder hier aus Uthiramerur bei Dämmerung)!

Ein Kommentar zu „Indische Realitäten“

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