Bewusstseinserweiternd

17.08.2019

Die letzten Tage, aber besonders heute, habe ich ein paar Erfahrungen gemacht und Eindrücke gesammelt, die ich hoffentlich nicht vergessen werde. In letzter Zeit versuche ich mich immer mehr in den Hostel-Alltag reinzukommen (das heißt dann spätestens 6 Uhr aufstehen und bis 10 Uhr abends auf den Beinen sein, inklusive drei Study Times, Games Time und Schule), schaffe dabei eh noch nicht jeden Programmpunkt der Mädchen und bin echt müde. Außerdem bin ich noch mit ein paar anderen Dingen überfordert, wie den Unterrichtsstunden oder der Sache mit dem Singen/Klavierspielen/Chor, womit ich einen Tag vorher etwas überrumpelt wurde (ein bisschen war ich ja vorgewarnt, aber trotzdem…) und allgemein der Tatsache, dass alles hier sehr kurzfristig angegangen wird und ich eigentlich wirklich nie genau weiß, was so kommt, nur dass was kommt und ich spontan und flexibel sein muss. Ebenso hat mir Fr. Joseph mir gestern erzählt, dass morgen Studenten vom Loyola College kommen für ein Wochenende zur „rural exposure“, das heißt Konfrontation mit der ländlichen „Village-Gegend“ um Chennai herum, zu der auch Kuppayanallur zählt, und ich doch bitte mit denen Zeit verbringen soll um Freunde zu finden (in dem Wortlaut).

Heute Morgen habe ich mich ihnen dann angeschlossen bei den Besuchen in die Villages bzw. einer Gruppe nach Malihapuram, einem Dorf in Richtung Kanchipuram. Ich konnte mir unter Besuch der Villages zwar nichts Konkretes vorstellen, als mir mein Mittagessen in die Hand gedrückt wurde und ich etwas orientierungslos in der Menge indischer Studenten stand auf unserem Schulgelände, aber das war ich ja inzwischen gewohnt. Es lief dann insgesamt darauf hinaus, dass wir zu sechst einfach loszogen von der großen Straße weg und war für mich nochmal eine Bewusstseinserweiterung.

Das Indien, das man vielleicht von Unicef-Weihnachtskarten kennt mit Familien, die in teilweise nicht festgebauten Häusern wohnen, Kühen, Abwassergräben, viel Grün und Armut, die man den Menschen dank dem Schmuck und der bunten Saris nicht im Gesicht ansieht.

Im Prinzip kamen wir nicht weit, sondern zogen eigentlich nur von Haus zu Haus, hörten den Leuten zu und redeten (also ich weniger, ich habe mir vor allem Gedanken gemacht, Aufmerksamkeit versucht zu schenken und mit den Kindern gespielt). Es hat mich unglaublich beeindruckt, diese Welt kennen zu lernen, die ich davor, obwohl ich oft nur ein paar Schritte davon entfernt war, nicht auf dem Schirm hatte, die Freundlichkeit und Offenheit und auch das Interesse der Menschen. Den Sonderstatus, den ich mit meiner weißen Haut innehabe, werde ich wohl nie losbekommen. Allerdings waren den indischen Studenten diese Realitäten ebenso fremd wie mir und es ist mir aufgefallen wie wenig Offenheit sie dieser teilweise gezeigt haben. Oberste Priorität galt der Unterhaltung (sobald es mal Leerpausen gab, waren viele am Handy und haben sogar während Hausbesuchen Musik gehört) oder ihrem Fotoapparat (Visual Communication Students) und deshalb könnt ihr hier auch so viele Fotos von mir und den Begegnungen sehen. Im Vergleich dazu ich, die sich fast schon nicht traut ihren Fotoapparat aus der Tasche zu holen, weil ich finde, dass man da eine gewisse Barriere schafft und genau die gilt es ja zu überwinden…

Warum ich, eine Deutsche freiwillig nach Indien gehe, konnten sie (die Studenten) auch nicht ganz nachvollziehen. Bislang habe ich die eigentliche Realität des indischen Kastensystems noch nicht ganz verstanden, aber mir wurde erschreckend deutlich bewusst, was für große Unterschiede es in der indischen Gesellschaft gibt und deren Auswirkungen Armut und mangelnde Bildung für viele der Verlierer dieses Systems sind. Und mit wie viel Respekt und Scheu man behandelt wird, vor allem ich, als „Weiße“. Die Begegnung auf Augenhöhe ist tatsächlich eine Aufgabe, die der, ich sag jetzt mal Höhergestellte, zu leisten hat und ohne Sprachkenntnisse mit den ganzen Vorurteilen ist das gar nicht so leicht. Ich habe mir angewöhnt, den Leuten zu zeigen, dass ich mich für sie interessiere, ihnen ins Gesicht schaue und lächle. Und man bekommt oft selber so viel davon zurück, besonders von den kleinen Kindern (Mädchen), wenn die erste Scheu erst mal überwunden ist.

Am Ende des Tages haben meine Wangen gebrannt vor lauter Lachen und ich habe mich ausgefüllt gefühlt. Es ist dann doch relativ leicht, ein Lächeln zu verschenken und zurück zu bekommen.

21.08.2019

Noch etwas hat sich für mich verändert. Und zwar die Perspektive.

Auf den Strohmatten in einer Hütte aus Bambus zu sitzen,

in der man kaum stehen kann und alles um einen herum ist etwas dreckig und schlammig, da es den Vormittag geregnet hat und Leute vom gleichen Land, aber unterschiedlichsten Welten um einen herum, in Kontakt, das hat für mich wortwörtlich bewusstseinserweiternd gewirkt.

Der Vater, der den Elite-College Studenten von seiner Tochter erzählt und ihre stolz ihre Testergebnisse und aufgemalten Henna-Modelle zeigt,

die Mutter, die, obwohl sie vorher von ihrem Lebensmittelmangel erzählt, uns, weil sie gerade kocht, was zu essen anbietet

und vor allem die Kinder. Aber eben auch der Frust der Menschen über das System und ihre Machtlosigkeit. Einmal sollte ich einfach „Amma“ sagen, also „Ja“ und mir wurde dann übersetzt, dass ich damit bestätigt hätte, ich wär gekommen, um eines der Mädchen mit nach Deutschlad zu nehmen. Aber „only joking, Miss!“. Ich musste erst mal schlucken. Wir hatten aber in unserer Gruppe auch eine Sister aus Chennai und einen Brother, der eben auch studiert, welche von einem wütenden Mann damit konfrontiert wurden, dass doch die Kirche (sie haben eine Kolleg im Dorf) nichts hilft und er Gott verloren habe.

Ich weiß jetzt woher die Kinder kommen, die in unsere Schule gehen und mit mir im Hostel leben. Und ich weiß jetzt, dass ich diejenige bin, auch in der Schule, im Lehrerkollegium und bei den Fathers, die auf die Leute zugehen muss, also den ersten Schritt machen, weil ich von vornherein, so dämlich das klingt, in einer außen stehenden Position bin. Dass ich das am Anfang eher aus Zurückhaltung als Unsicherheit nicht gemacht habe, wurde nämlich als Traurigkeit und auch (denke ich) Stolz gedeutet. Vor allem auf mein weibliches Lehrerkollegium bin ich in letzten Tagen mehr zugegangen und habe denen oft erst erklären müssen, dass ich still war, weil mich alles etwas überfordert hat und neu ist (und man auch einfach schlicht nicht weiß, welches Verhalte so angemessen ist). Dafür hatte ich sehr schöne Momente und positive Überraschung von spontanen Tamilstunden bis Einladungen zum indisch Kochenlernen. Schon interessant, dass auf Grund kultureller Unterschiede, Kommunikation und Wahrnehmung oft so unterschiedlich sein kann. Und dieser Fakt bewirkt, dass man ständig unter Strom steht, dass man sich ständig bewusst ist, was man wie macht und darauf achtet was andere wie machen. Jeder Tag bringt mir total neue Erfahrungen vom Tee trinken und Chapati-Teig kneten mit dem Kitchen Staff bis zum Haare flechten, Reime singen und Tamil-Unterricht (den ich inzwischen von der Sister hier zusätzlich einmal pro Tag bekomme).

Ich bin jetzt genau vier Wochen in Indien und knappe drei Wochen richtig im Projekt. Ich bin jetzt auf jeden Fall angekommen, habe Leute kennen gelernt, schöne und prägende Erlebnisse gehabt und muss trotzdem noch geduldig sein mit mir selber und allem um mich herum, was sehr viel Stärke verlangt. Aber Veränderungen passieren langsam, nicht von einen Tag auf den anderen und Freundschaften brauchen Zeit. Es läuft nicht alles perfekt und nicht so wie man es sich vorstellt, aber vielleicht ist genau das zu lernen, eine große Chance.

Da mir persönlich das Einträge schreiben viel Spaß macht und auch hilft, zu relativieren und reflektieren, kann es gut sein, dass bald weitere Beiträge folgen und freu mich sehr von euch zu hören!

Liebe Grüße aus Indien!

2 Kommentare zu „Bewusstseinserweiternd“

  1. Vielen, vielen Dank. Sehr beeindruckend, die Bilder, die Beobachtungen … und vor allem auch deine Gedanken und Reflektionen. Ich freue mich schon auf die nächsten Beiträge.

  2. Noch einen Lesetipp: Im Unionsverlag sind zwei Romane erschienen, einer Autorin, die in Chennai gelebt und als Journalistin und Autorin gearbeitet hat: Kamala Markandaya.

    Der Roman „Nektar in einem Sieb“ (1954 in Indien erschienen) erzählt das Leben in den villages aus der Perspektive einer indischen Bauersfrau und der Roman „Eine Handvoll Reis“ (1966) erzählt von einem jungen Mann der in die Großstadt geht.

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